Insgesamt setze Hartmann Technik verblüffend so brilliant ein, als habe er schon sein ganzes Leben lang „Grinding Work“ betrieben. Die Ergebnisse sind spontan einleuch- tend und eröffnen, wie gesagt, ein neues Genre. Zwar experimentieren zeitgenössische Maler in ähnlicher Weise: am konsequentesten Altmeister Gerhard Richter, aber auch jüngere wie der Berliner Alexander Polzin. Doch angesichts der Bandbreite der Möglichkeiten sind erstaunlicher-weise wenige darauf eingegangen und haben sie genutzt. Dabei liegt eine durchaus metaphorisch spannende Verbindung zu den aufgetragenen und gestaffelten Schichten, also dem Blättern und Befühlen historisch geschichteter „Dokumente“ nahe , etwa der Zimmertapeten, sowie sie in Abbruchhäusern zu Tage treten. Rainer Marie Rilke hat dieses Phänomen des „Gedächtnis eines Haues“ eindrucksvoll am Beispiel der Wände offener, einzusehender Häuser im Pariser Viertel Marais beschrieben.


Und das Funktionieren der für Farberinnerung zuständiger Partien in unseren Köpfen bzw. Hirnen wird durch die mittels Schleiftechnik erreichte Gestaltung des Aufblitzens von Farbinseln und Farb-schlieren als gespannte Netze und Häute wohl beziehungs- reicher imaginiert als durch den üblichen, traditionellen Pinselauftrag - gleich ob der fein ist oder pastos. Es sind eben diese Schichten, die abgerissenen Reste einer unbenutzten Plakatwand etwa, die eine ganz eigne und irritierende Ästhetik konstituieren, die des Vergessenen und Abgelegten, wie Mimmo Rotella dies in seinen Zerreißaktionen alter Filmplakate kultiviert hat.

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